Tausend Seiten dick, und kaum jemand hat den Wälzer ganz gelesen. Braucht man so etwas heute überhaupt noch? 

Die kurze Antwort lautet: Ja, und zwar mehr denn je. 

Die etwas ausführlichere Antwort: "Don Quijote" mag mehr als 400 Jahre alt sein, aber noch heute können wir eine Menge von diesem "Schinken" lernen.

Die Zeit, in der der Roman erschien, um das Jahr 1600 herum, mar-kierte einen Umbruch. Das Mittelalter mit seinen Rittern und Abenteuern, mit seinem Glauben an Drachen, Seeungeheuern und Riesen war vorbei. Die "Neuzeit" war angebrochen, der amerikanische Kontinent entdeckt, die Weltmeere bereist, ohne dass jemals ein Seenungeheuer aufgetaucht wäre. Was anstelle von Monstern, Riesen und Drachen gefunden wurde: Gold. Das Gold der Inka, Maya und Azteken, das bald, speziell in Spanien, mit Edelsteinen um die Wette funkelte - natürlich nur in den Palästen der Herr-

schenden.                                                         

 Genau wie heute hatten die normalen Leute nichts vom Luxus der Superreichen, "Trickle down", die Idee, dass Geld von oben nach unten durchsickert, hat auch damals schon nicht funktioniert. Geschäfte werden global abgewickelt, die Reichen werden reicher, die Armen bleiben arm, Schuld sind immer die Ausländer: So ist die Lage, als unser Held, ein verarmter Landadeliger - heute würde man vielleicht sagen: ein störrischer Rentner - der die neuen Zeiten einfach nicht mitmachen will. Er weigert sich, das Geld als einzig verbleibendes Ideal anzusehen. "Nicht mit mir!", sagt sich der schrullige Ritterbuch-Fan. Er macht 

nicht mit, er glaubt weiter an Prinzessinnen, an Riesen, an Ungeheuer und Heldentaten jeder Art. Weil er verrückt geworden ist? Das denken die meisten in seinem Umfeld. Oder weil er im Gegenteil weise erkennt, dass Geld und Macht am Ende nicht glücklich machen?

Ganz der moderne Schriftsteller, der er ist, urteilt Cervantes selbst nicht über seinen Helden, sondern überlässt uns Leserinnen und Lesern das Urteil. 

Nehmen wir die berühmteste Episode des Buches, den Kampf gegen die Windmühlen: Glaubt Don Quijote tatsächlich, dass die Windmühlen Riesen sind? Oder will er es glauben? Ist er prinzipiell verrückt? Oder verrückt aus Prinzip? "Spielt" er den Ritter aus vergangenen Zeiten, weil der Welt das Spielerische abhanden gekommen ist? Ist es ihm vielleicht bewusst, dass es seine Prinzessin "Dulcinea" in dieser Form gar nicht gibt, aber ist es ihm egal? 

So, wie Kinder spielen, dass sie Seeräuber oder Astronautin sind, so spielt Don Quijote, dass er Ritter ist – mit heiligem Ernst, mit allergrößtem Respekt vor der eigenen Fantasie. So, wie es Kindern egal ist, dass sie beim Spielen im kalten Wasser am Meer fast blau anlaufen, ist es Don Quijote egal, dass er beim spielerischen Kampf gegen die Windmühlen durch die Luft gewirbelt wird. Das Spiel und die Fantasie stehen über den Entbehrungen der Realität.

 

Tobias Goldfarb

Autor der Theaterfassung von Don Quijote