T H O M A S  U N R U H

Die Welt mit Fantasie neu denken

Ein Gespräch mit Thomas Unruh, 

Regie und Musik "Don Qujiote"

 

Thomas Unruh, Komponist, Musiker, Regisseur und Autor, ist ein deutschlandweit renommierter, vielbeschäftigter Künstler. Er hatte die Idee, die Text-fassung des "Don Quijote"-Stoffes von Tobias Goldfarb für die Festspiele Bad Hersfeld auf die Freilichtbühne am Schloß in Murnau zu bringen. Für Bad Hersfeld komponierte Thomas Unruh die Musik und hatte die musikalische Leitung inne. Diesen Part verantwortet Thomas Unruh auch in Murnau. Darüber hinaus hat er den Stoff für das Freie Theater Murnau eingerichtet und bearbeitet und führt Regie. "Don Quijote" ist für Thomas Unruh nach "Liliom", "Der Prozess" und "Draculea" seine vierte Produktion für das Freie Theater. Wir haben Thomas Unruh in Murnau getroffen, wo er seit langem mit seiner Familie lebt. Das Gespräch führte die Kulturwissenschaftlerin und Publizistin Dr. Elisabeth Tworek.

 

Elisabeth Tworek

Sie sind  in die Theaterproduktion "Don Quijote" auf vielerlei Art involviert. Was bedeutet Ihnen der Stoff? 

 

Thomas Unruh

"Don Quijote" erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern auch etwas über uns selbst, über Theater und das gemeinsame Spielen. Für eine Theatergruppe, die seit 20 Jahren besteht, ist das eine wunderbare Stoffwahl. Der Text ist eine Liebeserklärung an das Theater, an die Kraft der Verwandlung, an die Macht der Fantasie und der Freundschaft, an das gemeinsame Erfinden von Wirklichkeit. "Don Quijote" spiegelt diese Themen wie kaum ein anderer Stoff. Die Stückfassung von Tobias Goldfarb hat eine klare Ausrichtung, um aus diesem epischen Roman einen Theaterabend zu machen. 

 

Elisabeth Tworek 

Tobias Goldfarb, in Berlin lebender Kinderbuchautor, Dramatiker und Hörspielautor, schrieb die Theaterfassung dieses weltberühmten Romans. Auf was kommt es ihm an?

 

Thomas Unruh 

Jede Bearbeitung des Stoffes muss bei einer so gewaltigen Vorlage eine "Schneise" schlagen. Man könnte das Religiöse, das Politische oder das Historische in den Vordergrund stellen. 

Doch Tobias Goldfarb entscheidet sich in seiner Fassung für die Kraft und Macht der Vorstellung, der Freundschaft, für Don Alonso, der sich bewusst in Don Quijote verwandelt und den

 

"Wahn" als Akt der Selbstbehauptung begreift. Somit gewinnt er für einen gewissen Moment ein zweites Leben. Seine Odyssee ins Reich der Fantasie bringt die Verhältnisse seiner tatsächlichen Heimatregion La Mancha gewaltig ins Wackeln. Durch die Einführung eines Antagonisten, der so im Roman nicht vorkommt, nämlich eines Kommissarius der heiligen Bruderschaft, bekommt die Stückfassung eine stringente Linie durch die einzelnen Episoden.

 

Elisabeth Tworek 

Welches Konzept liegt Ihrer Regie zugrunde?

 

Thomas Unruh 

Es wird ein gesellschaftlich wacher Theaterabend. Unsere Inszenierung zeigt unter anderem, wie Sprache ausgrenzt, wie Bürokratie Macht ausübt, wie Ökonomie Menschen sortiert, wie Realität Menschen klein macht, wie Wahrnehmung zusehend politischer wird – und wie die Fantasie dagegenhält. Mein Konzept der Inszenierung verbindet Humor und Poesie mit einer sozialen Lesart: Der Landstrich La Mancha, der mit Don Quijotes Fantasie überzeichnet wird, ist kein romantischer Ort, sondern ein Raum voller Erwartungen, Normen und ökonomischer Zwänge. Don Quijotes "Gegenoffensive öffnet die Räume, in denen Würde, Freundschaft und Vorstellungskraft möglich werden. Denn Fantasie hat diese unglaubliche Kraft, die Veränderung möglich macht, die uns wachsen lässt und uns menschlich macht. Die Welt ist nicht nur so, wie sie ist – sondern auch so, wie wir sie uns vorstellen können. Somit erschafft Don Quijote Wirklichkeit durch Vorstellungskraft. Das ist ein wahrer Gedankenschatz in unseren heutigen Zeiten, der natürlich auch gewisse Gefahren birgt, wie Verschwörungstheorien oder die Zementierung eines Narrativs durch bloße Wiederholungen.

 

Elisabeth Tworek 

Ist in Ihrer Inszenierung Don Quijote ein Verrückter mit vernünftigen Momenten, oder ein Vernünftiger mit verrückten Momenten?

 

Thomas Unruh 

Da es sich bei dem Stoff um eine Satire handelt, würde ich sagen: beides und zwar auf einer stets wandernden Linie. Wann bin ich eigentlich Don Quijote? Durchaus eine Frage, die das Stück den Zusehenden zurufen könnte. Realität ist subjektiv, formbar und fragil und kann sich schnell verschieben, wenn wir anders auf die Welt blicken. Unsere Inszenierung soll genau diese Grenzbereiche sichtbar machen: die Übergänge zwischen Fantasie und Wirklichkeit, zwischen Innenwelt und Außenwelt, zwischen dem, was ist und dem, was möglich wäre.

 

Elisabeth Tworek

Mit welchen Mitteln machen Sie das auf der Bühne für alle erlebbar?

 

Thomas Unruh 

Unsere Bühne wird Resonanzraum, ein Spiegel von Don Quijotes Innenwelt. Die Fantasie entsteht aus Körpern, Sprache und Musik. Wir verbinden poetische Tiefe mit spielerischer Übertreibung, mit anachronistischen Elementen, nicht als bloße Gags, sondern als Verdichtungen, die zeigen, dass Don Quijotes Fantasie zeitlos ist. Die Bearbeitung übersetzt große Themen in eine heutige Erfahrungswelt, ohne den Humor und die Leichtigkeit, und die Melancholie des Originals zu vergessen. Zudem zeigt das Stück, dass Freundschaft, Humor und Menschlichkeit Kräfte sind, die jegliche Systeme überdauern können. Man könnte sagen, wir spielen Don Quijote nicht, weil er dem Wahnsinn verfällt, sondern weil einer wie er uns heute fehlt. Unsere Produktion ist als Familienstück angelegt und lädt damit auch ein jüngeres Publikum ins Freie Theater Murnau ein. 

 

Elisabeth Tworek 

Wie setzen Sie das Zusammenpral

en von Fantasiewelt und Realität auf der Bühne darstellerisch und musikalisch um?

 

Thomas Unruh 

Das zentrale Prinzip unserer Inszenierung ist, dass Fantasie und Realität nicht scharf voneinander getrennt sind, sondern dass sie sich ständig ineinander verschieben. Don Quijote hat einen anderen Weltblick, und die Bühne folgt seiner Wahrnehmung. Das Ensemble spielt in unterschiedlich fließenden Spielarten. Darstellerisch entsteht der Wechsel zwischen sozialer Realität und Fantasiewelt durch Körper, Haltung und Überhöhung. Die Realität ist enger; es gibt klare soziale Codes. Auf der Fantasieebene wird alles größer, poetischer, und voller Sehnsucht. 

Zudem verstärken Requisiten die Allgemeingültigkeit der Themen. Sie funktionieren hauptsächlich über eine choreografische Bildsprache. Die Fantasie wird aber nicht als reine Flucht erzählt, sondern als Gegenentwurf, in der Don Quijote sich die Traumwelten nicht schafft, um vor der Realität zu fliehen, sondern um sie zu erweitern. Fantasie ist nicht eskapistisch, sondern poetisch, politisch und menschlich. Sie zeigt, was möglich wäre, wenn man die Welt neu denkt. Dass ein Scheitern beim versuchten Umgestalten der Welt vorprogrammiert ist, nimmt Don Quijote mit größter Würde hin. Er lässt sich von seinem Weg nicht abbringen, beweist hohe Nehmerqualitäten und Durchhaltevermögen, um seiner Mission und letztlich seiner Herzensdame "Dulcinea" gerecht zu werden – was durchaus zu humorvollen Szenen führt. Sein treuer Begleiter Sancho Pansa wird zu einem symbiotischen Weggefährten, und durch ihre Gespräche wird die Mancha auf philosophischer Ebene aufgeladen. Don Quijote und Sancho Pansa beeinflussen sich gegenseitig.  Durch die entstehende 

Freundschaft beschreiten Idealismus und Realismus in beiden Persönlichkeiten neue Wege. 

 

Elisabeth Tworek

Wie für Bad Hersfeld, haben Sie auch in Murnau die Musik komponiert und haben die musikalische Leitung inne. Welches musikalische Konzept liegt der Don Quijote-Produktion zugrunde?  Mit welcher Intention? 

 

Thomas Unruh 

Die Musik zeigt uns, wie Don Quijote hört, was er fühlt oder träumt. Sie macht sichtbar, was er innerlich erlebt. Sie gibt seinem Sehnen eine Form und lässt Freundschaft erklingen. Die Musik ist Ausdruck seiner Würde und Verletzlichkeit. Durch sie entsteht ein Gewebe, auf dem sich alle Elemente der Inszenierung berühren - wenn mitunter auch nur flüchtig. Überhaupt ist die Musik weniger Hintergrund oder akustisches Bühnenbild, sondern ein weiterer Erzähler. 

Sie kommentiert nicht nur, sondern öffnet die Räume, in denen Fantasie, Sehnsucht, Freundschaft und Widerstand hörbar werden. Dabei schafft sie auch poetische Zwischenräume. Diese ermöglichen es Don Quijote, die Welt aus seiner ganz eigenen Perspektive zu betrachten. Die Klänge sind je nach Funktion oft diametral unterschiedlich und haben, wie die Gesamtdramaturgie, die Aggregatzustände Realität und Fantasie in ihrer DNA. Manchmal sind sie rhythmisch und derb, dann wieder schwebend poetisch mit wiederkehrenden Leitmotiven. Die Musik wird so zum Motor der Verwandlung: ein Klang, ein Rhythmus oder auch nur ein Akkord

kann die Welt kippen lassen. Die Grenze zwischen Innenwelt und Außenwelt ist fließend und hörbar.

 

Elisabeth Tworek 

Wie ist die Bühne gestaltet?

 

Thomas Unruh 

Die Bühne bleibt bewusst offen; es gibt keine Illusionen, die fertig ge-baut sind. Es sind die Schauspielerinnen und Schauspieler, die alles entstehen lassen. Es gibt allerdings auch Illusionen, die bewusst produziert werden und die in Manier einer großen Oper, des "Theaters im Theater", erzählt werden. Das ist eine weitere Ebene, die aber im Rahmen der Satire auch wieder hinterfragt und ad Absurdum geführt wird. Fantasie ist auf unserer Bühne ein kollektiver Akt; sie entsteht im Ensemble und kann dann im Publikum weiterleben. Und es könnte die Frage im Raum entstehen: wieviel Fantasie kann eineGesellschaft eigentlich zulassen? Und wieviel Realität kann ein Mensch wirklich ertragen?

 

Elisabeth Tworek 

Findet die Musik live auf der Bühne statt? Oder kommt sie aus der Konserve? Oder beides?

 

Thomas Unruh 

Die Musik kommt überwiegend vom Band, ist jedoch eng mit dem Bühnengeschehen verwoben. Sie ist zugleich sparsam und monumental instrumentiert. Flamenco-Anklänge und Samba-Rhythmen, orffsche Orchesterarrangements, epische Filmmusik, moderne Synthesizer-Flächen, Rap und fein geschichtete Kanon-Gesänge – die Palette ist vielfältig, um die Odyssee des Don Quijote in all ihren Stimmungen zu begleiten. Das Ensemble singt zur vorproduzierten Musik und unterstützt sie an ausgewählten Stellen mit perkussiven Instrumenten oder begleitet einzelne Songs auch komplett live. Don Quijotes Herzensdame Dulcinea, die in unserer Inszenierung nur er sehen kann, wird von einer entrückten, traumhaften Klangebene getragen. Dulcinea ist symbiotisch mit ihr verbunden und übersetzt diesen inneren Klangraum in Bewegung und Tanz. Im Verlauf des Stückes überlagern sich diese Stilelemente immer mehr und werden zu einer organisch wachsenden Klangfusion.

 

Elisabeth Tworek 

Was ist in Ihrer Inszenierung die Schnittstelle zwischen Text, Musik, Tanz und Spektakel?

 

Thomas Unruh 

Die Schnittstelle ist der Körper des Ensembles. Alles entsteht aus ihm heraus. Der Text bildet den gedanklichen Kern, und die Körper reagieren. Musik und Bewegungen sind die dramaturgisch notwendigen Transportmittel der Weitererzählung. Da öffnen sich Räume, die der Text allein nicht tragen könnte. Die Innenwelten werden hörbar und die Realität und Fantasie spürbar. Die Kämpfe sind nicht nur Action-Szenen, sondern zeigen die 

Konflikte in vergrößerter Form: sie choreografierte Bilder, in denen Humor, Gefahr und Poesie zu-

gleich Platz haben. In dieser Inszenierung ist jede Form ein Teil derselben Erzählung. Es geht um einen Menschen, der die Welt anders sieht.

 

Elisabeth Tworek

Von welchen Musikrichtungen und Musikstücken ließen Sie sich inspirieren? Wie setzen Sie das um?

 

Thomas Unruh

Natürlich habe ich mich mit spanischer Folklore und explizit dem Flamenco auseinandergesetzt. Große Inspirationsquellen waren für mich etwa die legendären Aufnahmen von Al di Miola, John McLaughlin und Paco de Lucia, das Live Album "Friday Night in San Francisco". Die Musik hat einen deutlichen spanischen Anstrich, der immer wieder von maurischen und orientalischen Elementen durchzogen wird. Typische Instrumente und Klänge wie Gitarre, Bongos, Flamenco Palmas, Duduk, orientalische Streicher, spa-nisch konnotierte Gesänge etc. bilden das Fundament dieser Klangwelt. 

Gleichzeitig habe ich sie aus heutiger Perspektive produziert und mit modernen Elementen der elektronischen Klanggestaltung verflochten. So entsteht eine Brücke ins Jetzt, die die Zeitlosigkeit des Stoffes weiterdenkt und die Transformation der letzten 400 Jahre, die ja zweifelsohne stattgefun-

den hat, musikalisch erforscht. 

 

Elisabeth Tworek 

Was hat Sie am Roman "Don Quijote" fasziniert?

 

Thomas Unruh 

Don Quijote ist ein Epos, um den sich die Superlative nur so ranken. Es war wichtig für mich, nochmal tief in die Materie einzusteigen und unsere Textfassung diesbezüglich auf heutige Bezüge und die sprachliche Textur zu untersuchen. Ich bin mehr als begeistert über diesen zentralen Text der Weltliteratur. In einer aktuellen Neuübersetzung werden viele Hintergrundinformationen mitgeliefert, die den Roman zeitgeschichtlich und aktuell einordnen. In unserer Textfassung sind einige Dialog- und Liedpassagen gekürzte Originalzitate von Cervantes, hauptsächlich in der Übersetzung des Romantikers Ludwig Tieck (1799). Er hat das Original von Cervantes im frühen 19. Jahrhundert ins Deutsche übertragen. Tobias Goldfarb hat dievche der Bewohner der Mancha kongenial modernisiert und angepasst. So trifft die Sprache Don Quijotes - der im Ritterjargon des 13 Jhr. spricht - auf eine moderne Alltagssprache von heute. 

 

Elisabeth Tworek 

Welche Gestaltungselemente werden in der Inszenierung durch Musik ausgedrückt, für die es weder Worte noch Tanz gibt?

 

Thomas Unruh 

Musik erzählt das, was zwischen den Zeilen steht. Sie macht innere Bewegungen hörbar, für die es keine Worte oder choreografische Gesten gibt. Sie trägt Emotionen, die vielleicht zu fein und widersprüchlich sind, um ausgesprochen zu werden, und öffnet Atmosphären und Räume – Traumräume, Erinnerungsräume, Zwischenräume, Fantasieräume, Emotionsräume  etc. Man könnte sagen, dass in unserer Inszenierung die Musik Ausdruck der inneren Welten ist. Sie erzählt von dem, was wir nicht wirklich in Worte fassen können, und von den Dingen, die zwischen den Menschen geschehen. Es wird aber auch Passagen geben,

in denen die Musik ganz für sich steht und das Publikum einlädt, der Szenerie nachzuspüren und sich auf die kommenden Momente einzustimmen. Unsere Inszenierung ist eine Klangreise durch innere und äußere Landschaften; das ist der tonale Puls dieses Theaterabends.


E L O D I E  

V O N  P O S C H I N G E R 

Die Welt mit Fantasie neu denken

Ein Gespräch mit Elodie von Poschinger, Tanz und Choreografie in "Don Quijote"

Elodie von Poschinger verantwortet in "Don Quijote" die Choreografie der Tänze. Seit 2013 leitet sie das von ihr gegründete Studio ELODIE Tanzbewegung in Murnau mit den Schwerpunkten Pole Dance, Aerial Yoga und weitere Tanzkonzepte. Wie schon für die Produktion "Draculea" 2024 gelang es dem Freien Theater Murnau auch dieses Mal, sie für die Inszenierung zu gewinnen. Wir haben Elodie von Poschinger in Murnau getroffen, wo sie aufgewachsen ist und seit vielen Jahren wieder lebt. Das Gespräch führte die Kulturwissenschaftlerin und Publizistin Dr. Elisabeth Tworek.

 

Elisabeth Tworek

Was sind für Sie bei dieser Theaterproduktion die Herausforderungen?

 

Elodie von Poschinger

Wir als Ensemble sind Schauspiellaien und keine professionellen Tänzer. Jeder Mensch kann tanzen. Dennoch hat jeder von uns andere individuelle Voraussetzungen, was Alter, Größe und Beweglichkeit betrifft. In mehreren Workshops zu Tanz, Musik und Kampf haben wir uns gemeinsame Grundlagen erarbeitet, die wir auf die Bühne bringen. Wie bereits bei der Theaterproduktion "Draculea" vor zwei Jahren macht es mir großen Spaß, wieder mit neuen Leuten zusammenzuarbeiten, in verschiedene Rollen zu schlüpfen und neue Aufgaben zu ha-

ben. Für mich ist das eine schöne Abwechslung bei meinen sonstigen beruflichen Aktivitäten. Auch die Freilichtbühne hat besondere Herausforderungen. Wir spielen und tanzen bei jedem Wetter im Freien, zwar auf einem festen Holzboden, aber mit Stufen. Das müssen wir uns stets vergegenwärtigen. Ideal wäre für uns ein Wetter wie in der spanischen La Mancha, warm und trocken. Auch für die vielen Kostümwechsel wäre das von Vorteil.

 

Elisabeth Tworek 

Was ist Ihr Part in dieser Produktion? 

 

Elodie von Poschinger 

Ich bin der Dance Captain; ich habe mir die Choreografie ausgedacht und die Formationen zusammengestellt. Dabei

tanze ich auch im Ensemble mit und darf in unterschiedliche 

kleine Rollen schlüpfen. Die tänzerische Sequenz, die zu sehen ist, hat Bezug zur jeweiligen Szene. Aus der Szene ergibt sich der Tanz, beispielsweise bei der Kneipenszene. Da sind tanze ich auch im Ensemble mit und darf in unterschiedliche kleine Rollen schlüpfen. Die tänzerische Sequenz, die zu sehen ist, hat Bezug zur jeweiligen Szene. Aus der Szene wir einfache, aber sehr stolze Frauen, die als Flamenco-Tänzerinnen die Gäste animieren. Aus dieser Tanzszene entwickelt sich eine Schlägerei. 

 

Elisabeth Tworek 

Welche Choreografie liegt der Inszenierung zugrunde?

 

Elodie von Poschinger  

Es gibt Tanzszenen, und es gibt Kampfszenen. Beides sind elementare Bestandteile der Inszenierung. Kampf und Tanz sind choreografierte Bewegung; in beiden Fällen muss man die einzelnen Bewegungen exakt einstudieren. Aber während Tanz den Raum weit aufmacht, engt Kampf den Raum ein. Da ist eine andere Energie im Spiel. Die Grenzen dazwischen sind fließend.

 

Elisabeth Tworek

Was sind die Schnittstellen in "Don Quijote" zwischen Text, Spiel, Tanz und Musik?

 

Elodie von Poschinger 

In unserer Inszenierung wird die Welt nicht gezeigt, wie sie ist. Vielmehr stellen wir mit unterschiedlichsten künstlerischen Ausdrucksformen wie Spiel, Tanz, Musik, Kampf die Welt so dar, wie Don Quijote sie mit seinen Augen sieht.

 

Elisabeth Tworek 

Was ist für Sie das ganz besondere Einzigartige an dieser Inszenierung?

 

Elodie von Poschinger

Unser "Don Quijote" ist ein fröhliches Stück, das unterschiedliche Sinne anspricht. In diesem Stück gibt es was zu lachen, aber auch etwas zum Nachdenken. Es gibt eine reale Welt, und es gibt eine Gefühlswelt, die vor allem beim Tanzen zum Ausdruck kommt. Das kommt mir sehr entgegen. Don Quijote ist ein Träumer. Er träumt von guten und schönen Dingen. Er will seine Dulcinea finden – das ist sein Traum. Tanzen ist in unserer Inszenierung eine Form, sich in die Welt von Don Quijote hineinzuträumen.

 

Elisabeth Tworek 

Was kann Tanz ausdrücken, was weder Musik noch Sprache darstellen können?

 

Elodie von Poschinger 

Tanz spiegelt das, wie sich jemand fühlt ohne Worte. Die innere Welt wird körperlich zum Ausdruck gebracht. Der Körper kann etwas ausdrücken, was man nicht sagen kann oder nicht sagen will. Auch kann der Tanz Worte begleiten und unterstützen. Manchmal fehlen die Worte, dann kann der Tanz die Emotionen unterstreichen. Vor allem aber kann man durch Bewegung den Kopf ausschalten. Mit Tanzen kann man eine andere emotionale Tiefe zu sich selbst finden. Tanzen ist ein Rendezvous mit sich selbst. Man nimmt sich eine bewusste Zeit für sich. Das passiert auf der Theaterbühne, aber auch das ganze Jahr über bei mir im Tanzstudio.


A N N A   S O I B E R T

Kampf ist auf die Spitze getriebener Dialog

Ein Gespräch mit Anna Soibert, Kampfchoreografin bei "Don Quijote"

Anna Soibert ist eine international vielbeschäftigte Schauspielerin, Musikerin, Kampfchoreographin und Dozentin

für Szenischen Kampf. Sie ist in München geboren, am Staffelsee aufgewachsen und nach Abschluss der Schule in die Welt gezogen. Das russische Sprach- und Literaturstudium an der University of London wurde zur Grundlage für ihre Ausbildung zur Schauspielerin an der Russischen Akademie der Theaterkünste Moskau, gefolgt von der Weiterbildung zur Lehrerin und Choreografin für Szenischen Kampf bei der skandinavischen Nordic Stage Fight Society. Prägende Arbeitserfahrungen sammelte sie u.a. in Moskau als freie Mitarbeiterin im renommierten Bolshoi Theater und Stanislawski Musiktheater. In allen künstlerischen Bereichen wurde sie mehrfach ausgezeichnet und ist als Schauspielerin sowohl auf der Bühne als auch in Film und Fernsehen zu sehen. Wir haben Anna Soibert in Murnau getroffen, wo sie seit 2008 mit ihrer Familie lebt. Das Gespräch führte die Kulturwissenschaftlerin und Publizistin Dr. Elisabeth Tworek.

 

Dr. Elisabeth Tworek

Sie choreografieren Kämpfe für das Theater? Was ist das Besondere am Kampf auf der Bühne?

 

Anna Soibert

Jeder Kampf auf der Bühne ist Illusion, vergleichbar mit einem Zaubertrick. Um also einen glaubwürdigen Kampf zwischen zwei Figuren darzustellen, braucht es viel Können, Geschicklichkeit und Übung. Und ob die Illusion dann tatsächlich zustande kommt, entscheidet letztendlich das gemeinsame Timing der Ausführenden in Aktion und Reaktion. D.h. die grundle-

gende Voraussetzung für das Gelingen einer Kampfchoreografie ist möglichst perfekte Partnerarbeit.

Damit die Illusion eines Kampfes entstehen kann, brauche ich also maximale Zusammenarbeit, während die hierdurch dargestellte Szene maximales Gegeneinander erzählt - eine gewaltvolle Auseinandersetzung mit dem Gegenüber, ein Dialog, der die sprachliche Ebene verlassen hat und nun auf der körperlichen Ebene Entladung findet, sozusagen ein auf die Spitze getriebener Dialog.

 

Dr. Elisabeth Tworek

Welche Bedeutung haben Kämpfe bei "Don Quijote"?

 

Anna Soibert

Durch die Lektüre zahlreicher Ritterbücher entflieht Don Quijote mehr und mehr der Realität und wird selbst zum Ritter. Und da das Kämpfen für die gute Sache sozusagen die Essenz eines

 

jeden wahren Ritters ist, will sich auch Don Quijote durch Tapferkeit als würdiger Held für seine Dulcinea beweisen.

In unserem Theaterstück kämpft er mit einem Schwert. Diese Waffe steht für das Rittertum im Mittelalter, das zu Don Quijotes Zeit bereits vergangen war. Mit Rüstung und Schwert kann er an diese Zeit anknüpfen, auch wenn der "Ritter von der traurigen Gestalt", wie Don Quijote genannt wird, gar nicht so gut kämpfen kann, denn die Zeit des Rittertums ist längst vorbei.

 

Dr. Elisabeth Tworek

Was ist für Sie die oberste Priorität im Kampf auf der Bühne?

 

Anna Soibert

Nach Gewährleistung der Sicherheit aller - auf der Bühne und im Zuschauerraum - ist die Priorität eines Kampfes für die Bühne seine Relevanz und Glaubwürdigkeit im Erzählbogen des Theaterstückes. Für die erfolgreiche Darstellung von Kämpfen sind zwei grundlegende Voraussetzungen notwendig: die Ausführenden beherrschen die notwendigen technischen Abläufe als Team, also miteinander, und haben dann das schauspielerische Können, die Figuren überzeugend zu spielen, die sich ja miteinander im Konflikt befinden, also scheinbar gegeneinander agieren. Diese beiden Ebenen zu etablieren und zu kontrollieren ist wichtig, sowohl für die Sicherheit, als auch für eine glaubwürdige, der Geschichte des Stückes dienende Kampfchoreografie.

 

Dr. Elisabeth Tworek

Was machen Sie, um das Ensemble auf Kampfchoreografien vorzubereiten?

 

Anna Soibert

Kampf ist Dialog mit anderen Mitteln, der entsteht, wenn bereits alles gesagt ist, Worte fehlen, versagen, oder überflüssig erscheinen. Die Interaktion ist also nonverbal und findet auf einer ganzheitlich körperlichen Ebene statt. Um diese, für die meisten ungewöhnliche Art der Kommunikation zu etablieren, haben wir viele Bewegungsübungen im Raum gemacht, sowohl als gesamtes Ensemble, als auch zu zweit. Durch diese Herangehensweise wird das Bewusstsein für den Raum - die Bühne - und für die Präsenz der anderen gestärkt. Denn wenn ich eine gute Wahrnehmung für mein Umfeld habe, kann ich erfolgreich interagieren - das gilt für alle Dialoge und insbesondere natürlich für kämpferische Auseinandersetzungen.

 

Dr. Elisabeth Tworek

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich neben dem Schauspielberuf auf Kampfchoreografie zu spezialisieren?

 

Anna Soibert

Kampf im Schauspiel ist mehr mit Tanz verwandt, als mit Kampf. Im reellen Kampf, auch im sportlichen Wettkampf, ist es das Ziel, den Gegner zu besiegen. Dafür ist ausschlaggebend, schneller, stärker, härter, ausdauernder als das Gegenüber zu sein. Um im Schauspiel einen Kampf zu erzählen, braucht es maximale Zusammenarbeit der Ausführenden. D.h. beide Seiten müssen im Timing der Aktionen und Reaktionen so perfekt miteinander interagieren, so dass überhaupt die Illusion einer gewaltvollen Handlung entstehen kann. Den Sieg einer überzeugenden Kampf-Darstellung kann man also nur gemeinsam davontragen.

Bei der Erarbeitung einer Kampfchoreografie wird sowohl die Essenz der Geschichte als auch die des Schauspielens an sich sichtbar:

Der Konflikt mit seiner maximalen Verdichtung in Form eines Kampfes ist der Grund, warum wir die Geschichte überhaupt erzählen; und die Umsetzung des physischen Konfliktes zeigt, dass wir als Schauspielende immer Team-Player sind.

 

Dr. Elisabeth Tworek

Worin sehen Sie den Unterschied zwischen Tanz und Kampf im Theater?

 

Anna Soibert

Tanz und Kampf beinhalten verschiedenste visuelle, erzähltechnische, physische Darstellungsformen für die Bühne. Hierbei können die Unterschiede zwischen den beiden Ausdrucksformen groß sein, oder sich ineinanderfließend ganz auflösen.

Tanz und Kampf kommen aus der gleichen Wurzel, sind ursprünglich eins und haben immer noch sehr viel miteinander zu tun. So sind die Gesten und Armpositionen im klassischen Ballett mitunter die stärksten Abwehrpositionen. Diese Verwandtschaft kann man besonders gut bei Capoeira und anderen Tänzen dieser Art sehen.

So erklärt sich auch der Umstand, dass das Amt des Tanz- und Kampfmeisters in früheren Zeiten oft von ein und derselben Person ausgeführt wurde. Aus dieser Zeit stammt auch der Aus-spruch: "Dem Mann, der nicht Tanzen kann, gib kein Schwert in die Hand". D. h. nur die Person, die Wissen und Vermögen an Technik, Regeln, Umgangsformen und Ästhetik hat, sollte eine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen dürfen.