Der historische Kneißl - 

Ein Leben voll Ungerechtigkeiten 

 

Für die einen ist er ein Volksheld, Rebell und Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit; für die anderen ist er ein Polizistenmörder, Räuber und Schwerverbrecher. Bis heute ist der „Kneißl Hias“, wie ihn der

Volksmund nennt, in zahlreichen Büchern, Schriften, Liedern, Filmen und auf Theaterbühnen präsent. So auch in Murnau. Aber welches Leben hat Mathias Kneißl tatsächlich geführt? Anhand von Briefen, Dokumenten sowie Polizei- und Gerichtsakten lassen sich sein Aufwachsen in Armut, sein Kampf gegen die Obrigkeit und seine Flucht ohne Ausweg historisch nachweisbar rekonstruieren, fernab jeder Schönfärberei und Verklärung.  

Im richtigen Leben wird Mathias Kneißl regelrecht vom Unrecht verfolgt, bevor er 1902 mit 26 Jahren in Augsburg hingerichtet wird. Mathias Kneißl wird 1875 in Unterweikertshofen bei Sulzemoos als ältester Sohn von elf überlebenden Kindern der Eheleute Theresa und Mathias Kneißl geboren. Seine Eltern betreiben bis 1886 in Unter-

weikertshofen eine Gastwirtschaft. Dann verkaufen sie das Anwesen und erwerben die einsam gelegene, schwer zugängliche Schachen-mühle ganz in der Nähe, die sie bewirtschaften. 

Die Schachenmühle, Zeichnung von Hans Huber, Sulzemoos

Kneißls Mutter Theresa, Tochter des italienischen Krämers Pascolini, gilt bei den Einheimischen als liederliches Flintenweib, das es mit dem Gesetz nicht so genau nimmt. Von ihr lernen die Söhne schießen und wildern. Ihr Ehemann verletzt sich im Sommer 1892 bei einer Verfolgungsjagd mit Gendarmen so schwer, dass er kurz darauf im Polizeigewahrsam an Lungenentzündung stirbt. Theresa Kneißl muss zeitgleich wegen Diebstahls und Hehlerei ins Zuchthaus. Ihre größtenteils unmündigen Kinder sind sich in der Schachenmühle nun selber überlassen, darunter ein einjähriges Mädchen. Sie wachsen ohne Schutz, Erzieher und Ernährer auf. Weder die Kirche, noch die Obrigkeit kümmern sich. Da ist der älteste Sohn Mathias Kneißl gerade einmal 17 und sein jüngerer Bruder Alois 15 Jahre alt. Um nicht zu verhungern, werden diese beiden notorischen Schulschwänzer nun Wilderer und Diebe. Als Gendarmen sie deshalb im November 1892 festnehmen wollen, schießt Alois einen der Gendarmen zum Krüppel. Dafür muss er für 15 Jahre ins Zuchthaus, stirbt jedoch nach fünf Jahren an den schlechten Haftbedingungen. Mathias Kneißl wird wegen Komplizen-schaft zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, obwohl er nachweislich nicht geschossen hat. In der Haft erlernt er das Schreinerhandwerk.

Da die Schachenmühle nach seiner Haftentlassung am 28. Februar 1899 nicht mehr steht, sucht er bei seiner Mutter Unterschlupf, die sich nach ihrer Haftentlassung in München niedergelassen hat. Weil die Stadt München gegen Kneißl einen zweijährigen Stadtverweis verfügt, kann er nicht bleiben. Mit dem festen Vorsatz, sich nie mehr etwas zuschulden kommen zu lassen, sucht Mathias Kneißl nach einer ehrlichen Arbeit. Ein Schreiner- meister in Nußdorf am Inn stellt ihn trotz seiner Vorstrafen ein. Weil seine Arbeitskollegen nicht mit einem

Geburtshaus von Mathias Kneißl in Unterweikertshofen,

Gasthof Oberwirt  im Landkreis Dachau. Um 1910

ehemaligen Zuchthäusler zusammenarbeiten wollen und die

Kundschaft seinetwegen wegbleibt, beugt sich der Schreinermeister dem Druck und entlässt Kneißl. Seine Bemühungen, erneut eine Anstellung zu finden, scheitern. Während eines illegalen Besuchs in München lernt er Mathilde Danner kennen und lieben. Beide beschließen,  Amerika auszuwandern, um gemeinsam ein neues Leben anzufangen. Doch dafür brauchen sie Geld. Mathias Kneißl überlebt fortan durch wildern, Diebstähle und Raubüberfälle und gerät immer mehr in die Gesetzlosigkeit. Das Dickicht der Wälder zwischen Dachau, Aichach und Fürstenfeldbruck wird Kneißls neues Zuhause. Am

26. November 1900 schießt sich Mathias Kneißl in Aichach bei einer Verfolgungsjagd den Weg frei und verletzt seinen Verfolger schwer. Für seine Ergreifung wird eine Belohnung von 400 Mark ausgesetzt. Der Flecklbauer Michael Rieger versteckt Kneißl zwar wenige Tage später auf seinem Hof nahe Irchenbrunn, verrät ihn aber an die Gendarmerie. Am Abend des 30. November 1900 kommt es zu einem Schusswechsel mit zwei Gendarmen, die Kneißl verhaften wollen. Obwohl dieser mit seinem Gewehr auf den Boden zielt, verletzt er die beiden so schwer, dass sie an ihren Verletzungen sterben. Die Belohnung wird auf 1000 Mark erhöht. Auf seiner Flucht vor der Staatsmacht kann sich Mathias Kneißl auf die Unterstützung der Einheimischen verlassen. Er ist einer von ihnen. Deshalb gewähren sie ihm Unterschlupf und stecken ihm Eßbares zu. Drei Monate später wird sein Versteck in Geisenhofen erneut verraten.

Am Morgen des 4. März 1901 rücken Soldaten und Gendarmen mit einem Aufgebot von 140 Mann gegen das Anwesen vor und feuern eine dreiviertel Stunde fast ununterbrochen auf das Haus, in dem sie den Gesuchten vermuten. Sie finden Kneißl schwer verletzt hinter dem Kamin  kauern. Er hat keinen einzigen Schuss abgegeben. Kneißl wird ins Krankenhaus nach München gebracht. Um ihn der „gerechten Strafe“ zuzuführen, wird er von den Ärzten für die Gerichtsverhandlung notdürftig zusammengeflickt. Am 14. November 1901 beginnt in Augsburg der Prozess.

Weil ihm vor Gericht keine Tötungsabsicht nachgewiesen werden kann, plädiert der Vorsitzende Richter auf lebenslanges Zuchthaus. Die zwölf Geschworenen sind für die Todesstrafe. Dem Antrag des Staatsanwalt folgend, verurteilt das Gericht Mathias Kneißl „wegen Mordes zum Tode

und wegen der anderen Straftaten zu 15 Jahren Zuchthaus sowie zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte“. Daran wird weder ein beim Reichsgericht Leipzig eingereichter Revisionsantrag noch das an Prinzregent Luitpold gerichtete Gnadengesuch etwas ändern. Kneißls Mutter Theresa verfolgt den Prozess im Gerichtssaal. Nach der Urteilsverkündung schreit sie beim Verlassen des Saals laut „Justizmörder“ und wird festgenommen. Drei Monate später wird Mathias Kneißl am 21. Februar 1902 im Gefängnishof in Augsburg mit dem Fallbeil enthauptet.

 

Elisabeth Tworek 


Tatortaufnahme 1901. Nach einem »dramatischen Bombardement« im Aumacheranwesen in Geisenhofen bei Fürstenfeldbruck

wurde Mathias Kneißl festgenommen.

Augsburg, den 20.2.1902

Hochverehrter Herr Lehrer!

Schmerzliche erinnerungen drängen mich, Ihnen meinen aufrichtigsten Dank, für alle hinopfernde Mühe deren Sie sich während der Jahre meines Schulbesuches, für mich unterzogen haben, auszusprechen. Ich glaube bei meiner Bitte um Ihr Gebet, auf geneigte Erhöhrung rechnen zu dürfen. Unser lieber Gott wird gewiß Sie und Ihre werthe Familie reichlich segnen, wen Sie diesem meinem Herzenswunsch entsprechen.

Mit dem Gefühl aufrichtigster 

Verehrung bin ich Ihr dankbarer Schüler

Mathias Kneißl

Brief von Mathias Kneißl,

den er am Tag seiner Hinrichtung 

an den Lehrer L. Wagner schrieb.