Die Commedia dell' arte und das Barocktheater Molières

Ludovico Ottavio Burnacini, Ende 17.Jh., Arlecchino, Pantalone und Scaramuccia ©KHM-Museumsverband Theatermuseum Wien

Das Freilichttheater ist eine der ältesten Kunstformen der Menschheit. Nicht nur die großen griechischen Theaterspiele fanden unter freiem Himmel in Amphitheatern statt – seit der Antike wurden auch Straßen und Marktplätze von Gauklern, Spaßmachern und Improvisationstalenten belebt. Nicht umsonst steht bis heute der Thespiskarren, benannt nach dem ersten grie-chischen Tragödiendichter Thespis, der angeblich mit seiner Truppe auf einem Holzwagen durch die Lande zog,  sprichwörtlich  für  das  Schauspieler-Handwerk. 

Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entwickelte sich in Ita-lien aus dem Stegreiftheater des fahrenden  Volkes  eine  eigene  Kunstform, die schließlich ganz Europa im Sturm eroberte: die „Commedia dell´arte“. Commedia bezeichnete damals  das  Theater  im  Allgemeinen, während Arte für Handwerk, also gekonnte Arbeit stand. Bei den oft improvisierten Handlungen und Texten war das entscheidende Element die Maske: eine klar definierte Spielfigur, auf die sich erfahrene Commedia-Darsteller meist ein Leben lang festlegten und sie bis zur Perfektion ausarbeiteten. Die Figuren waren durch ihre Verkleidungen und Gesichtsbedeckungen, aber auch durch ihr sehr typisiertes Spiel für die Zuschauer eindeutig erkennbar, so dass man sich mit ihnen identifizieren oder sich über sie lustig machen konnte. Die bekannteste Figur der Zanni, also der Charaktere  aus  den  unteren  Bevölkerungsschichten, ist bis heute der Arlecchino mit seinem bunten Flickenkostüm, der sich auf der Bühne alles herausnehmen darf. Hinzu kommen zum Beispiel noch der hasenfüßige Pagliaccio – ein Vorläufer des Pierrot mit seiner weißen Schminke – und die lebenslustige Magd Colombina. Die Vecchi stellten hingegen die reiche Oberschicht der Zeit dar, so wie der geizige Pantalone, der trotz seines hohen Alters gerne jungen Frauen nachstellt, und der Dottore, der gerne sein Wissen zur Schau stellt, welches aber selten zur Situation passt. Hinzu kamen noch weitere Figuren wie die jungen Liebenden, deren Glück häufig von den Alten bedroht wird. Alle Schauspieler hatten für jede Bühnensituation ein Repertoire  an  einstudierten  akrobatischen Kunststücken, Gesten, Körperhaltungen und sprachlichen Mitteln parat. Mit diesem Erfolgsrezept fanden sich Commedia-Truppen bald nicht mehr nur auf Marktplätzen, sondern auch an europäischen Fürstenhöfen wieder, wo sie zu den beliebtesten Entertainern ihrer Zeit wurden.

Auch auf den Komödiendichter und leidenschaftlichen Schauspieler Molière müssen diese Theaterhandwerker einen enormen Eindruck gemacht haben. Er selbst führte lange eine Wandertheatertruppe an, die sich schließlich der Protektion des Herzogs von Orléans und sogar der seines berühmten Bruders Ludwigs XIV. erfreuen durfte. Moliére wußte aus Erfahrung genau,

mit welchen Mitteln das Publikum zu begeistern war, sei es auf 

einem Marktplatz in Paris oder im königlichen Theatersaal. Jedoch war er auch stark von der Tradition der französischen Farce, die realistisch gegenwärtige Konflikte aufzeigte und oft pragmatische Lösungen für diese anbot. Moliéres große Kunst bestand  darin,  in  seinen Barock-Komödien die traditionsrei-

chen und leicht erkennbaren Figuren der Commedia in facettenreiche Persönlichkeiten abseits eines allzu starren Musters zu verwandeln. Ihre Typisierung erkannte man oft noch an ihren Namen – so ist Géronte wortwörtlich ein „leichtgläubiger Greis“ und Léandre ein Namensvetter des berühmten antiken Liebhabers, der nur unter enormen Schwierigkeiten mit seiner Geliebten zusammenkommen kann. Auf der Bühne gingen die Schauspieler voll in ihren Rollen auf, mimten durch gekonnt einstudierte Gestik und Mimik Alter, Verliebtheit, Lüsternheit, Eitelkeit und Bauernschlauheit; zur Zufriedenstellung des (königlichen) Publikums gab es auch meistens – anders als im wahren Leben – ein Happy End. Und doch steht für Molière der Mensch mit seinen Stärken und Schwächen immer vor einer einfachen Maske; er macht sich über die Schwächen mit beißendem Spott lustig, aber feiert auch die Stärke, aus vertrackten Situationen einen glücklichen Ausweg zu finden. Auch deshalb stehen seine Komödien bis heute weltweit auf den Theaterspielplänen und haben kaum etwa von ihrer Aktualität eingebüßt.

 

Quellen:

David Esrig: Commedia dell´Arte. Eine Bildgeschichte der Kunst des Spektakels.

Peter Simhandl: Theatergeschichten in einem  Band.

http://de.wikipedia.org/wiki/Commedia_dell%E2%80%99arte

Anonym: Der Einfluss der Commedia dell´Arte auf das Theater Molières https://faustkultur.de/literatur-portraets/moliere-der-witz-und-der-zugang-zum-machthaber/

 

 

Nikolaos Boitsos, Regisseur

Carl Spitzweg Reisende Komödianten, um 1838

 


Molière am Tisch mit Ludwig XIV. in Versailles, Jean-Auguste-Dominique Ingres 1857