Der Talisman von Johann Nestroy

Der Autor Johann Nestroy

Rollenbild als Titus Feuerkopf

Der Autor Johann Nestroy

 

Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy wurde am 7. Dezember 1801 als zweites von acht Kindern des Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. jur. Johannes Nestroy in Wien geboren.

 

Er sollte wie sein Vater Jurist werden. Allerdings war er vom blühenden Hauskonzert- und Haustheaterwesen in den gut situierten Familien so künstlerisch angeregt, dass er die Gesangsausbildung bevorzugte. Am 8. Dezember 1818 gab er sein Debüt in der Wiener Hofburg. 1820 begann er Jura zu studieren, aber Gesang und Theater waren stärker, sodass er 1822 das Studium abbrach und die Gelegenheit am k. k. Hoftheater bekam, den Sarastro in Mozarts „Zauberflöte“ zu singen. 

 

Er wechselte an das Deutsche Theater in Amsterdam, 1825 ging er nach Brünn, Mitte 1826 nach Graz, wo die komischen Sprechrollen bereits die Gesangspartien überwogen. 1831 engagierte ihn Direktor Carl ans Theater an der Wien. 1833 gelang ihm mit dem “Lumpacivagabundus”, seinem meistgespielten Werk, endgültig der Durchbruch als Autor. Er wurde zur Leitfigur des vormärzlichen Wiener Volkstheaters, brillierte als  Schauspieler  in eigenen Stücken, die er sich und seinen Partnern auf den Leib schrieb.

 

Nestroys herausfordernder Stil fand ungeachtet moralischer und ästhetischer Entrüstungen bald ein begeistertes Publikum, es gab aber immer wieder auch Schwierigkeiten mit Publikum, Theaterpolizei und Zensur. 1845 ging Nestroy mit Carl ans Leopoldstädter Theater, das er 1854 – 1890 als Direktor leitete, ehe er sich altersbedingt nach Bad Ischl und Graz zurückzog. Johann Nestroy starb an den Folgen eines Schlaganfalls am 25. Mai 1862 in Graz. 

 

Im Gegensatz zu Ferdinand Raimunds gemütsbestimmter naiver Phantasie zeigt Nestroys Werk geistvolle Ironie und desillusionierende Skepsis. Als Meister der Sprachkunst hält er in Dialekt und Hochsprache den menschlichen Schwächen einen Spiegel vor. Mit seinem Werk, das Volksstücke, Lokal- und Zauberpossen, Parodien sowie realistisch-satirische Zeit- und Sittenstücke umfasst, wurde er zum beherrschenden Autor der Wiener Vorstadttheater.

 

Sein dialektischer Witz, der schon die Zeitgenossen begeisterte, liebte aphoristische Sentenzen und Wortspiele. Den Höhepunkt von Nestroys Schaffen bildeten die Jahre 1838-44, in denen so populäre Stücke entstanden wie "Der Talisman" (1840), "Das Mädl aus der Vorstadt" (1841) und "Einen Jux will er sich machen" (1842). In der "Posse mit Gesang" fand er zu einer spezifischen neuen Form.

 

Dass die Qualität der Werke Nestroys weit über die pures Unterhaltungstheater hinausging, erkannte Karl Kraus, der die Nestroy-Renaissance im 20. Jahrhundert einleitete. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt und oftmals verfilmt (Hans Moser in Nestroys "Einen Jux will er sich machen"). 

 

(Zitat aus Austria Forum / Biographien / Johann Nestroy)

 


Plakat Theater an der Wien aus dem Jahre 1840

Buchumschlag mit einem Bild von Egon Schiele

Das Stück

 

„So kopflos urteilt die Welt über die Köpf’, und wann man sich auch den Kopf aufsetzt, es nutzt nix. Das Vorurteil is eine Mauer, von der sich noch alle Köpf’, die gegen sie ang’rennt sind, mit blutige Köpf’ zurückgezogen haben“, lässt Johann Nestroy seinen Protagonisten (Titus Feuerfuchs)  im „Talisman“ räsonieren und wirft damit einen kritischen Blick auf eine Gesellschaft, die von Vorurteilen, Dünkelhaftigkeit, Konkurrenzkampf, Machtwille und Geldgier beherrscht wird – eine Welt der Ausgrenzung und Diskriminierung, in der Schein mehr zählt als Sein und es einer kleinen Revolution gleichkommt, ganz man selbst zu sein.

 

Als Außenseiter hat man’s schwer: Davon weiß der Barbiergeselle Titus Feuerfuchs ein Lied zu singen, sorgen doch seine feuerroten Haare nicht nur stets für Spott und Gelächter, sondern auch dafür, dass er von seinem reichen Onkel verstoßen wurde und keine rechte Anstellung findet. Darüber mag ihn auch die offensichtliche Zuneigung der ebenfalls rothaarigen Salome nicht hinwegzutrösten. Sein Schicksal wendet sich, als er einem Reisenden das Leben rettet und dieser ihm zum Dank eine schwarze Perücke als Talisman schenkt. Plötzlich reißt sich die heiratswütige Damenwelt, die gleichzeitig auch Arbeitgeberwelt ist, um den dunkelhaarigen Jüngling und ermöglicht ihm einen rasanten beruflichen und sozialen Aufstieg. Titus weiß die Gunst der Stunde zu nutzen und steigt – mal kratzig und aufbegehrend, mal charmant und zärtlich, jedoch immer listig – die gesellschaftliche Leiter hoch. Doch dann kommt ihm sein Talisman abhanden und ein irrwitziges Ringen gegen den Absturz zurück ins gesellschaftliche Abseits beginnt …

 

Der Talisman oder 'Die Schicksalsperücken' wurde bei der Premiere 1840 in Wien zum größten Erfolg für Nestroy – und das zu Recht. Er zieht in diesem Werk alle  Register  seiner  Theaterkunst. Nestroy übt dezidiert politisch motivierte Zeitkritik am Biedermeier und wendet sich scharfzüngig gegen Borniertheit und Opportunismus. Die brillante Komödie wider das Vorurteil bezieht ihren dauerhaften Glanz aus der bühnenwirksamen Situationskomik und der bis ins Detail geschliffenen Sprache, den unvergleichlichen Couplets und aus einer Fülle überaus plastischer, lebendiger Charaktere.

 

(Zitat aus dem Programm des Stadttheaters Klagenfurt)    


Historischer Szenenausschnitt aus dem Talisman